ihr seid gar nicht so schlau, wie ihr immer denkt.

Ich bin heute auf einen Artikel gestoßen, in dem Bürger mal wieder sehr erbost darüber sind, dass der Bürgermeister ihren Beteuerungen keinen Glauben schenkt, sondern lieber den Gutachten und Empfehlungen von Experten folgt. Na sowas aber auch. Der konkrete Sachverhalt soll an dieser Stelle mal egal sein, was interessant ist, ist der Umstand, dass das keinesfalls selten ist. Das habt ihr euch schon gedacht, was? Aber: das wurde auch schon untersucht! Mehrfach!

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Bekannt geworden ist das Phänomen unter dem Namen „Dunning-Kruger-Effekt“ (und ich dachte immer, das heißt schlicht „Beratungsresistent 😉 ). Er beschreibt die Tatsache, dass unqualifizierte Menschen dazu neigen, sich (dramatisch) zu überschätzen. Aufgrund ihrer fehlenden Qualifiziertheit kommen sie zu falschen Schlussfolgerungen und drum treffen sie natürlich auch unvorteilhafte Entscheidungen. Ihre Beschränktheit beraubt sie gleichzeitig der metakognitiven Fähigkeiten, die sie bräuchten, um sich ihrer Ignoranz bewusst zu werden. Daneben erkennen sie auch nicht, wie kompetent möglicherweise ein anderer ist – die Qualifikation eines Experten wird als solche also auch nicht wahrgenommen. Siehe die beschriebenen Wutbürger oben.

Die Psychologen Justin Kruger und David Dunning haben dazu kurz vor der Jahrtausendwende Experimente gemacht. In Grammatik- und Logik-Aufgaben wurden die Probanden getestet. Im Prinzip erschließt es sich ja, dass nur 50% zur besseren Hälfte gehören können – aber die Selbsteinschätzung der getesteten Personen sagt da etwas ganz anderes 😉 – Für die Auswertung wurden die Probanden gemäß ihrer Testergebnisse in vier Gruppen eingeteilt – und sogar das jeweils schwächste Viertel hielt sich nach eigener Einschätzung bei allen Tests für überdurchschnittlich gut. Auch die besten 25 Prozent hielten sich für überdurchschnittlich – damit hatten sie zwar recht, allerdings haben sie sich in ihren Fähigkeiten unterschätzt! (Schritt 1)

Anschließend sollte das jeweils schlechteste und beste Viertel die anderen Teilnehmer bewerten. Dem besten Viertel gelang dies sehr gut. Dem schlechtesten überhaupt nicht. Fazit: Man braucht Können, um Können beurteilen zu können. (Schritt 2)

Mit dem Wissen um die Fähigkeiten der anderen Teilnehmer sollten die Teilnehmer ihre Selbsteinschätzung nun korrigieren. Das beste Viertel lag nun ziemlich nah an der Wahrheit. Das schlechteste Viertel blieb weiterhin ziemlich weit entfernt davon – so dass gesagt sein kannn, dass hier keine Einsicht in das eigene Können, bzw. Nichtkönnen dazu gelernt wurde – denn auch hier gilt: das Erkennen von Mängeln erfordert Kompetenz! (Schritt 3) So kann man freilich seine Kompetenzen auch nicht steigern.

Was hat das mit mir zu tun?

…fragst du dich jetzt?

Die anderen bekommen immer das größeste Stück vom Kuchen? Dann gehörst DU vermutlich zu 25% der Bevölkerung. Fragt sich nur noch, zu welchem Viertel.
Die anderen bekommen immer das größeste Stück vom Kuchen? Dann gehörst DU vermutlich zu 25% der Bevölkerung. Fragt sich nur noch, zu welchem Viertel.

wenn du jemand bist, der ständig und immer happy ist und vor Selbstzufriedenheit strotzt und dich selten hinterfragst, dann gehörst du sehr wahrscheinlich zu einem der 2 angesprochenen 25 Prozent. Ich lass das jetzt einfach mal so stehen.

Wenn du zu dem kompetenten Viertel gehörst, ist es wahrscheinlich, dass du dich oft inkompetent fühlst, obwohl du es nicht bist. (Siehe Experiment Schritt 1). Du bist sehr wahrscheinlich wohlerzogen und trägst dazu bei, dass das inkompetente Viertel nicht auffliegt.

Soziales Feedback – oder warum die Inkompertenten trotzdem happy sind

Zum einen ist es ja so, dass die Inkompetenten nicht wissen, dass sie inkompetent sind (siehe Experiment Schritt 2 und 3). Zum anderen ist es so, dass der Frust fast immer auf der Seite der Kompetenten zu finden ist.
Es sind im Prinzip zwei Mechanismen, die hier verantwortlich sind: gute Manieren und Uneindeutigkeit.

Unter „guten Manieren“ subsumieren wir mal alles, was einer Konfrontation mit der Inkompetenz entgegensteht. Also immer dann, wenn man nicht sagt „Das ist absoluter Bullshit!“ oder „Mit jemandem wie Ihnen möchte ich nicht zusammen arbeiten“.
Uneindeutigkeit kann sowohl eine zeitliche Verzögerung, als auch eine Umdeutung im Sinne einer Schuldzuweisung sein. Hat der Inkompetente etwas verbockt, sind die Konsequenzen für ihn oft nicht unmittelbar zu spüren – oder aber ein anderer bekommt das schmähende Feedback ab, wird in Mithaftung genommen. Das wird gerade in Teams häufig erlebt. Hier stehen die Teammitglieder füreinander ein, der Projektleiter stellt sich vor sein Team usw.. So kann der Inkompetente sehr, wirklich sehr sehr lange mit fehlender Qualifikation durchkommen und ist dabei stets selbst vom Wissen durchflutet, kompetent zu sein. Das wiederum speist sich nun auch wieder aus der Uneindeutigkeit: Teamerfolg beispielsweise wird als Indikator für persönliche Qualifikation und Kompetenz erlebt.

Was also ist zu tun?

Was wichtig ist: dieses Syndrom erklärt ganz gut die Unzufriedenheit und Opferrolle, in der sich so viele gefangen fühlen:
Als Inkompetenter überschätzt man sich selbst und daher sind Dritte Schuld, wenn es zu Niederlagen und Misserfolgen kommt – muss ja, weil man selbst ja überdurchschnittlich performt. Der Staat ist Schuld, oder wie oben der Bürgermeister – und der Markt macht Spirenzchen – der Lehrer hat einen auf dem Kieker, der Kunde ist unverfroren, der Mitbewerber verhunzt das Produkt, man wird von den Kollegen gemobbt, die beste Freundin ist ein hinterlistiges Biest und so weiter und so fort. So ist man nie in der Verantwortung, immer in der „Opferrolle“ – das mag entlasten, führt aber nie zur Lösung des Problems.
Hier bedarf es gekonnter Kommunikationsstrategien. Nicht zielführend ist es, die Inkompetenz (oder die eigene Qualifikation) herausarbeiten zu wollen, denn dafür ist der Inkompetente nicht empfänglich, wie das Experiment ja nun deutlich gemacht hat. Hat jetzt nicht wirklich weiter geholfen, was? Aber etwas mehr weißt du jetzt trotzdem. Ich ja auch!

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4 Gedanken zu “ihr seid gar nicht so schlau, wie ihr immer denkt.

  1. Hallo,
    sehr interessanter Artikel finde ich, musste hin und wieder mal schmunzeln.
    Beim Lesen habe ich schon versucht ein „Lösung“ zu finden aber ich komme immer wieder an einen Punkt: Teufelskreis?

    „Zum einen ist es ja so, dass die Inkompetenten nicht wissen, dass sie inkompetent sind…“ Ob sie es nicht wissen oder ob sie es nicht einsehen wollen? Da müssten „die Inkompetenten“ sich ja eingestehen, dass sie etwas „falsch“ gemacht haben.

    Mir wurde ja lange suggeriert, dass etwas „falsch“ machen ganz schlimm sei, dass ich dann ein „Verlierer“ sei, „die Gesellschaft“ traurig und Kopfschüttelnd auf mich herab guckt und sagt: „das arme Ding hat einen Fehler gemacht… was soll bloß aus ihr werden“.
    Unter diesem Punkt kann ich verstehen, dass „die Inkompetenten“ vielleicht nicht zu ihren Schwächen/Fehlern stehen wollen aus Angst als Verlierer oder schwacher/bemitleidenswerter Mensch da zu stehen.
    Aus diesen Gedanken heraus bin ich der Meinung, dass bei dem Denken vieler Menschen angesetzt werden sollte. Fehler machen ist okey, sich seine Schwächen eingestehen ist okey. Und „DIE Inkompetenten“ gibt es nicht.
    Bezüglich der „Opferrolle“ kann ich dir nur zustimmen es ist entlastend mit dem Finger auf andere zu zeigen auf, Dauer gesehen führt dies aber zum Stillstand. Es kostet sehr viel Kraft aus dieser Rolle heraus zu treten aber es lohnt sich. Mit der Eigenverantwortung fühle ich mich gleich viel kompetenter ;D

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    1. Hallo Maiamania, man ist ja nicht universell omni-inkompetent 😉 – oder eben im gegenstück allumfassend-kompetent – vielmehr bezieht sich das ja immer auf einen bestimmten kernbereich, vielleicht auf, greifen wir mal was vollkommen aus der luft… zuwanderungspolitik in speziell deutschland oder europa im allgemeinen 😉 … oder auf politische verwirrungen bezüglich der verschwundenen mh370 … wie die perfekte strategie zur vermarktung von xy auszusehen hat … oder auch darauf wie man einen gänsebraten zubreitet.
      ich persönlich glaube ja auch, dass es dieses „falsch machen“ gar nicht gibt, sondern manche herangehensweisen einfach nur suboptimal viele nachbesserungsschleifen nach sich ziehen 😉 – ich freu mich drauf, dich zu lesen! *käthe

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      1. Hallo käthe,
        danke für deine Antwort.
        Dass die Herangehensweisen einfach nur suboptimal seien ist eine schöne Beschreibung für einen „Fehler“ machen. Klingt gleich weniger „hart“ und motiviert mich persönlich es noch einmal anders zu versuchen. 🙂
        Liebe Grüße

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  2. Das „suboptimal“ ist aber gar nicht das, worauf der fokus liegt – sondern auf dem „noch mal bis es so ist, wie man sich das vorstellt“ – Scheitern ist ja an sich ein sehr … deutsches (?) Konzept – gefühlt wird einem das in anderen Kulturen ja sehr viel eher verziehen und gehört zum Erfolg geradezu dazu! Hierzulande gibt’s immer direkt Punktabzug – hast du eine Idee weshalb das so ist?

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